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„Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“

So sagt es Jesus zu Petrus, nachdem dieser als Fischer in Gegenwart von Jesus einen wunderbar großen Fischfang gemacht hatte.

Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Das ist gruselig, oder? Das klingt gar nicht gut! Menschen fangen! Wie kann man so etwas sagen? Es klingt überhaupt nicht nach dem Jesus, der Menschen aus Zwängen befreien wollte und sich über enge religiöse Grenzen immer wieder hinweggesetzt hat und damit viel Widerspruch geerntet hat. Das klingt nicht nach dem Jesus, dem es zum Beispiel in der Bergpredigt viel mehr um ein aufrechtes Herz als um eine angepasste Frömmigkeit ging. Und jetzt das? Von nun an wirst du Menschen fangen. Ist das ein Missverständnis?

 



Vielleicht hat Luther hier sehr derb übersetzt, weil er den Leuten aufs Maul geschaut hat und die Leute nun mal gern was fangen und dann recht stolz sind, was sie für einen Fang gemacht haben!

Zum Glück gibt es ja seit einigen Jahren die Bibel in gerechter Sprache. Da dürfen wir wohl auf einen anderen Tonfall hoffen, denke ich so und schlage nach. Doch was muss ich lesen. Die Bibel in gerechter Sprache schreibt: Fürchte dich nicht, von nun an wirst du einer, der Menschen fängt.

Pah, das ist ja noch brutaler. Wie soll ich mir das denn vorstellen? Zum Glück haben wir ja noch unsere Minibibel von der Landesgartenschau. Was sagt die denn: Ok, da klingt es schon etwas diplomatischer: Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein. Da ist es, das gute alte Bild von Petrus als Menschenfischer. Wobei… gutes altes Bild? Menschenfischer? Aus der Perspektive der Fische kann der Fischer eigentlich kein gutes Bild abgeben, oder?



Es gibt ja noch mehr Übersetzungen: Die von früher uns vertraute „Gute Nachricht“, hat offensichtlich auch Anstoß am ursprünglichen Text gehabt, denn dort heißt es: In Zukunft wirst du Menschen fischen. Das klingt niedlich. Aber so richtig vorstellen möchte ich mir das auch nicht. Zumal mir dramatische Bilder vor Augen kommen. Tote oder Ertrinkende werden aus dem Wasser gefischt.

Die ziemlich moderne Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“ versucht aus dem Dilemma herauszukommen, indem es den Satz sehr schön umschreibt: „Fürchte dich nicht! Du wirst jetzt keine Fische mehr fangen, sondern Menschen für mich gewinnen.“ Mit dieser Formulierung kann ich besser leben. Gewinnen – das klingt nach freier Entscheidung, nach ehrlicher Überzeugung, nach Austausch und Diskussion.

Leider steht es so aber nicht im Original. Auch da hab ich nachgeschlagen. Die griechische Vokabel ist schwer übersetzbar. „Du wirst einer sein, der Menschen lebend fängt.“ Es wird nicht besser, diese Bibelstelle kann nicht einfach so hingenommen werden. Darüber müssen wir kritisch nachdenken. Denn Worte prägen unser Denken.

 



Glauben Sie nicht, dass solche Bibelstellen spurlos an der Kirche vorbeigegangen sind. Schon die Apostelgeschichte überschlägt sich in Erfolgsmeldungen, wie viele Christen tagtäglich zur Gemeinde dazukommen. In der Aufzählung des Gemeindewachstums in den ersten Tagen nach dem Pfingstfest geht es kaum um individuelle Schicksale und menschliche Geschichten. Sondern es geht um Zahlen. Beeindruckende Zahlen, wie viele Menschen zur Urgemeinde finden.

Es ist wie bei Anglern, die über ihren Fang berichten. Und man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Es ist eine legendäre Gründungsgeschichte, die da von den Menschenfischern überliefert ist. Erst die Generation nach den Menschenfischern, die Generation, die mit Paulus beginnt, lässt durchblicken, dass man Menschen nicht einfach einfangen kann. Auch nicht mit einer guten Botschaft. Die Missionsreisen des Paulus zeigen, mit welchem persönlichen Einsatz und mit welchen Rückschlägen die Verbreitung des Christentums erfolgte und wie klein und individuell die Schritte waren.

Das hat sich dann geändert, als das Christentum Staatsreligion im römischen Reich geworden ist, im 4. Jahrhundert. Nun wurden Menschen mit Macht und mit Gewalt zum christlichen Glauben gezwungen. Und ich will nicht aufzählen, wie sich in Mittelalter und Neuzeit die Missionsgeschichte oft genug als eine Eroberungsgeschichte abgespielt hat.



In Afrika erzählt man die Geschichte so: Als die ersten Missionare zu uns nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, besaßen wir die Bibel und sie besaßen unser Land.

Ich finde, es hat etwas mit Ehrlichkeit und Demut zu tun, sich klar zu machen, wie auch die Kirche dazu beigetragen hat, Menschen zu unterwerfen, Ungerechtigkeit zu legitimieren und ausbeuterische Strukturen zu unterstützen.

Gerade gegenwärtig befinden wir uns in einer ganz sensiblen Zeit, in der nach der tieferen Bedeutung von Worten und Namen gefragt wird, in denen sich nach wie vor Unrecht fortschreibt. Und die Frage ist, haben wir das wirklich schon verstanden, oder wollen wir es gar nicht so genau wissen.

 



Ein Beispiel: Friedrich Wilhelm von Brandenburg, den wir auch gern den großen Kurfürsten nennen, beauftragte Ende des 17. Jahrhunderts seine Kapitäne, die im Afrikahandel unterwegs waren, ein Anzahl von jungen männlichen Sklaven zu fangen und zu entführen, die dann im preußischen Militär als Janitscharenträger dienen mussten. Die sogenannten Mohren, wie man sie einfach nannte, fielen im Stadtbild von Berlin natürlich auf und so hat die Mohrenstraße, wo die Musiker untergebracht waren, wahrscheinlich ihren Namen bekommen. Heute würden wir sagen: klarer Fall von Menschenhandel und allerschlimmste Menschenrechtsverletzung. In Berlin tobt im Moment wieder ein erbitterter Streit, ob die Straße nicht längst umbenannt werden müsste. Und viele sagen: ist doch nicht so schlimm. Menschen fangen ist schlimm!

Und deshalb müssen wir auch die Worte der Bibel kritisch lesen! Wo Worte uns Bilder vor Augen malen und Menschen zur Masse werden, wo es um die Zahl geht und nicht um das einzelne Schicksal, da darf unser Gewissen nicht schweigen.



Es gibt einen Lichtblick in der Geschichte vom sogenannten Menschenfischer Petrus. Ist Ihnen aufgefallen, dass er am Anfang der Geschichte seine Arbeit macht, während Jesus von den Leuten bedrängt wird, die ihn hören und sehen wollen. Petrus wäscht seine Netze. Erst als Jesus ihn anspricht, nimmt er ihn ins Boot und fährt ihn ein Stück auf den See hinaus. Jetzt muss er ihn ja hören, er kann ja nicht anders, wenn Jesus aus dem Boot heraus zu den Menschen spricht. Aber was danach passiert, der wundersame Fischfang, zwei Boote voller Fische, verunsichert ihn sehr. Er hat das Gefühl, dieser Jesus sprengt seine Welt. Was er sagt, ist zu gut für seine Welt. Dem kann er nicht gerecht werden.

Ich glaube, dieser verunsicherte Petrus, der so fast nebenbei zum Staunen und zu Jesus gekommen ist, der sollte uns als Bild vor Augen bleiben.

Jesu Botschaft einer neuen Freiheit und einer weltumspannenden Liebe will uns mitten in unserem Alltag erreichen und Zweifel wecken an den Selbstverständlichkeiten, unter denen unsere Welt leidet.



Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du nicht mehr in deinem alten Menschsein gefangen sein.


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Anlässlich der Ausstellungseröffnung „Straße der Romanik. Auf den Spuren der Ottonischen Kaiser“ am 19. Juli 2020 in der St. Nicolaikirche zu Burg, sprach Dr. Joachim Scherrieble vom Landesverwaltungsamt zu den Besuchern des Gottesdienstes. Wir geben den Wortlaut seiner Rede, die er in gekürzter Fassung hielt, hier ungekürzt wieder und laden damit herzlich zur Ausstellung ein, die noch bis zum 8. September jeden Montag-Freitag, 15.00-17.00 Uhr, geöffnet ist.